Für Mädchen (als auch für Jungen) sind äußere, von den Herkunftsfamilien gebotene Rahmenbedingungen von entscheidender Bedeutung für ihre jeweiligen Lern-Erfahrungs- und Versorgungsspielräume, ihr Selbstverständnis und Wohlbefinden. Elterliche Ressourcen, elterliches Kontrollverhalten und elterliche Empathie haben umfassende Auswirkungen auf die Lebensperspektiven.

Im mädCHENtreff haben wir beobachtet, dass die differenzierte Ausprägung von Handlungsanweisungen und Verhaltensauflagen innerhalb der jeweiligen Kultur hauptsächlich durch die Toleranz oder Intoleranz der Eltern geprägt ist. Der Lebensalltag der Besucherinnen wird durch die unterschiedliche Einbindung und Aufgabenverteilung in der Familie (Betreuung der jüngeren Geschwister, Übernahme der Versorgungsaufgaben: einkaufen, Essen zubereiten, waschen usw.), die Loslösung und oftmals durch erhöhte Konflikt- und Gewaltbereitschaft innerhalb der Familie bestimmt. Schule und Ausbildung stellen einen weiteren Faktor im Alltag der Mädchen dar - das Ziel, einen Schulabschluss zu erlangen oder eine Ausbildung zu absolvieren, wird bisweilen ohne die elterliche Unterstützung, manchmal sogar gegen den Willen der Eltern verfolgt. Jobs neben der Schule tragen bei einigen Besucherinnen einerseits zur ökonomischen Unabhängigkeit bei, andererseits zur vielbeschriebenen Doppelbelastung. In diesen Beschreibungen wird die Diskrepanz von Anspruch (Gleichheit) und Wirklichkeit (Ungleichheit, Rollenzuweisung, Nachrangigkeit der Anliegen) deutlich. Der gelebte Widerspruch, in dem Mädchen und junge Frauen sich täglich befinden erfordert viel Kraft, Raum zur Identitätsbildung und Unterstützung. Daraus ergibt sich nach wie vor der Bedarf an parteilicher Mädchenarbeit unter Einbezug und kritischer Reflexion der modernen Rollenzuweisungen und gesellschaftlicher Veränderung.